Fr. Penzke und der verschwundene Kosmetikkoffer

An einem Laternenpfahl vor dem Hauptbahnhof klebt ein Zettel. Es ist einer dieser vielen unscheinbaren Zettel mit abreißbaren Telefonnummern. Wahlweise suchen die Leute, die diese Zettel mit Klebeband an den unschuldigen Pfählen befestigen eine Wohnung, ihre Katze, einen Job oder bieten unwissenden Studenten lukrative Nebeneinkünfte an. In diesem Fall steht auf dem Zettel: “Wer hat einen silbernen Kosmetikkoffer der Maskenbildnerin Fr. Penzke (Text und Name frei zusammengedichtet, aufgrund der Vergesslichkeit des Unterzeichnenden) gefunden? 250 Euro Belohnung.” Und eben der erwähnten Telefonnummern mit dem Betreff “Kosmetikkoffer”.

Wer ist eigentlich diese Fr. Penzke? In der Nähe des Bahnhofes befinden sich einige Theater, Fr. Penzke könnte also am Schauspielhaus arbeiten. Oder im Thalia Theater. Vielleicht auch bei Ohnsorg, aber das ist ja schon ein kleines Stück zu laufen. Vielleicht ist Fr. Penzke auch freischaffende Maskenbildnerin auf der Durchreise. Mit ihrem schweren Köfferchen fährt sie also von Duisburg nach Kiel, von Erfurt nach Augsburg, einzig in der Mission, hübsche Menschen noch hübscher zu machen, und nicht ganz so hübsche Menschen etwas weniger hässlich.

Fr. Penzke trägt eine blonde Dauerwelle, ist etwas Übergewichtig und so stark geschminkt, wie sie es keinem ihrer Klienten antun würde. Ihr Alter sieht man Fr. Penzke aber eigentlich nicht an, vielleicht ist sie Mitte 50, vielleicht schon älter. Der gezielte Einsatz von Make-Up wirkt positiv, die vielen verqualmten Nächte mit dem Künstlervolk eher nicht.

Auf jeden Fall hat Fr. Penzke eine Menge Geschichten zu erzählen. Und eigentlich tut sie das mit ihrer etwas an ein in die Jahre gekommenes leichtes Mädchen erinnernden Stimme sehr gern. Etwa von der Begebenheit, als dieser eine Hauptdarsteller im Erlanger Stadttheater mit der Komparsin…aber darüber redet Fr. Penzke natürlich nicht. Nur soviel: Letztens hat er im Tatort den Komissar gespielt.

Das größte Erlebnis für Fr. Penzke war, als sie der Politikergattin für dieses Galadinner das Komplettpaket machen durfte. Er kam ständig herein und quäkte ungeduldig, während sie es seelenruhig vor dem Spiegel genoss, einmal umsorgt zu werden. Haare, Peeling, Make-Up. Am Ende stritten sie sich, und der eigentlich wasserfeste Maskara verlief über dem ansonsten makellosen Gesicht der Gattin. Fr. Penzke war empört, es dauerte eine halbe Stunde, die arme Frau zu trösten, und noch einmal eine halbe Stunde, das Make-Up zu retten. Der Abend wurde noch ein voller Erfolg. Schließlich durfte mitten im Wahlkampf niemand etwas merken.

Wenig später ließ das Ehepaar sich scheiden. Mit ihr steht Fr. Penzke noch heute in engem Kontakt. Er ist dann Ministerpräsident oder so etwas geworden, für Politik hat sich Fr. Penzke noch nie so wirklich interessiert.

Wohl aber für ihren Kosmetikkoffer. Und der ist nun weg. Einen Moment lang nicht aufgepasst. Eilig das Taxi gerufen, weil der ICE aus Mannheim verspätet im Bahnhof einfuhr, und sie doch den Termin nicht verpassen durfte. 40 Jahre harte, aber befriedigende Arbeit. Für 250 Euro könnte sie sich vielleicht ihre Ausstattung teilweise ersetzen. Die Erinnerungen aber, die sind unwiderbringlich verloren.

Einen Kommentar schreiben:


Please visit WP-Admin > Options > SPA and enter the key. How to find your key