Tag 126: “A solid B”
Nun ist er also gekommen, der letzte Tag meines ersten Bergen-Semesters. Er beginnt schon fröhlich mit der Abnahme meines Zimmers durch ein freundliches, robustes Mannsweib, das in wirklich allen Ecken nach Staub sucht, und in einigen auch noch welchen findet. Was mein Zimmer angeht, ist das aber nichts, was ich nicht schnell noch selbst beseitigen könnte, das Badezimmer kann sie nicht so detailliert untersuchen, das hab ich ja zum Glück vorher beim Duschen unter Wasser gesetzt. Aber die Küche ist noch ganz und gar nicht nach ihrem Geschmack. Da hat der kleine Chinese wohl ein wenig geschlampt. Die Kühlschrankfächer sind noch keimig, an den Schranktüren is noch Schmutz, und der Fußboden könnte ruhig noch ein zweites Mal gewischt werden. Ich schreibe Feng-Shui also einen Brief, in dem ich die Mängel noch mal erwähne, damit das noch in Ordnung kommt, und ich meine Kaution vernünftig zurück bekomm. Ausgerechnet heute hat allerdings die Rezeption erst ab zwölf auf, ich kann noch nicht auschecken.
Mir da noch weiter Gedanken drüber zu machen, bleibt aber keine Zeit. Schließlich steht die Prüfung auf dem Plan. Ab zehn Uhr hängen die Ergebnisse der Hausarbeit aus, und die Reihenfolge der mündlichen Prüfung. Ein B für meine erste Hausarbeit, das freut mich, bedeutet es doch ein sehr gut. Nicht außergewöhnlich wie das A, aber besser als nur gut (C). Sollte wirklich mal in HH mit meiner Dozentin reden, ob ich die nochmal in Norwegisch ein wenig ausführlicher schreiben kann, und mir das dann als 1b-Seminar anerkannt wird.
Erwartungsgemäß bin ich als letztes dran, weil man mal wieder alphabetisch vorgeht. Prüfungszeit: 14.30. Bedeutet: Vier Stunden Zeit, nochmal in die Aufzeichnungen zu schauen, zu hören, was die anderen so erzählen mussten, sich was zu essen zu holen, die Miete für Januar zu bezahlen (Svenja war so nett, mir einen Teil davon erstmal zu leihen), wieder in den Ordner zu schauen, zu merken, dass das gar nix mehr bringt, und man bei einigen Themen absolut nix sagen kann, und zu warten…
Natürlich wird man mit jeder Minute nervöser, und so bin ich dann irgendwann sehr dankbar, dass ich endlich dran war. Man muss aus einem Haufen zwei Zettel mit Themen ziehen, ich ziehe Ibsens “Gespenster” (Das ich vor zwei Jahren mal im Literatur-Einführungskurs gelesen hatte) und “Niels Lyhne” von J.P. Jacobsen (Welches ich nicht geschafft habe zu lesen, auch wenn das Buch über zwei Monate auf meinem Schreibtisch lag). Nicht die allerbesten Voraussetzungen, aber es hätte durchaus schlimmer kommen können.
So eine mündliche Prüfung geht zwar an die Nerven, hat aber den Vorteil, dass man das Gespräch thematisch ein wenig steuern kann. Wenn man sich den einen oder anderen Schwerpunkt setzt, und darüber so viel erzählt, wie man eben weiß, bleibt nicht mehr viel Zeit für die Lücken. Und genau das mache ich dann auch. In meiner Hausarbeit hatte ich “Gespenster” als Beispiel für Typisierungen in der damaligen Literatur, und tatsächlich kann man eine Menge darüber erzählen, dass die einzelnen Figuren zusammen ein Mini-Norwegen ergeben. Von “Niels Lyhne” wusste ich die grobe Handlung, und dass es viel um Religion geht, also schieße ich mich darauf ein. Und nach 20 Minuten sind die beiden Prüfenden scheinbar halbwegs zufrieden mit meinen Erläuterungen. Ein kurzer Wartemoment vor der Tür, und ich erfahre mein Ergebnis: “A solid B”, was mir zusammen mit der Hausarbeit auch insgesamt ein B einbringt. Nicht, dass die Note irgendeine Bedeutung für mein Studium hätte, meinem Ego tut sie trotzdem ganz gut…
Das auschecken am Nachmittag geht fix über die Bühne, und da ich meinem Mitbewohner versprochen hab, mit ihm nochmal was trinken zu gehen, fahren wir zusammen in die Stadt auf einen Kaffee im CafĂ© Opera. Is schön plüschig da. Wir haben beide nicht so viel Zeit, und ich glaube, das kommt sowohl ihm als auch mir einigermaßen entgegen. Nichtsdestotrotz unterhalten wir un ein wenig und ich erfahre etwas mehr über das kulturelle Leben in Hong Kong. Trotz Globalisierung dominiert dort nämlich vor allem asiatische Popkultur die Kinos und Plattenläden, groß im Kommen ist gerade Korea. Wichtig für viele junge Leute ist auch die Karaoke-Tauglichkeit eines Songs, und da die Plattenfirmen auch daran mitverdienen, richten sie sich natürlich drauf ein. Zum Abschied darf die Frau hinterm Tresen noch fix ein Foto machen (Das ich hoffentlich bald nachreichen kann), und dann gehen wir getrennte Wege. Eigentlich ein netter Kerl, dieser Junge mit dem komischen Namen…
am 18. Dezember 2006 um 20:58 Uhr.
Jaja und weg bist du. Hoffentlich sieht man sich trotzdem in den einem oder anderen Kurs wieder. Oder vielleicht auch in Hamburg zu Silvester. ich war das ganze Wochenende fast alleine, nur Hilde hat mir etwas Gesellschaft geleistet. Andreas ist heute auch abgereist und unser Flur hat auch nur noch 5 Mitbewohner von denen sich drei am Freitag verabschieden. Dann bleiben nur noch die zwei Chinesen zurück.
Meine Schwester ist ja nicht gekommen. Unsere Mutter hatte am Donnerstag nämlich eine Not-OP. Ihr geht es aber zu Glück schon wieder besser und ist sei gestern Abend auf einer normalen Station! Noch vier Nächte und mein Berlin hat mich auch wieder zurück!