Tag 76: Wie ich beinahe ein Bankkonto eröffnete
Der erste Unitag nach drei Wochen krank sein! Und dann auch gleich ein Seminar um zehn. Vorsichtshalber habe ich gestern abend mal meine Weckmelodien geändert, damit ich es auch schaffe, um acht aufzustehen. Und siehe, es hat tatsächlich geklappt. Mit Mühe und Not schleppte ich mich aus dem Bett unter die Dusche, kochte mir meinen Kaffee und schmierte mir mein Brot, sogar für einen Nachrichtenüberblick bei SpiegelOnline und einen kurzen Chat mit dem Ox in Bella Italia hat es noch gereicht. Mit ein bischen Laufen bekam ich auch noch einen guten Bus, der mich lange vor zehn in die Stadt brachte, so dass ich noch vor dem Kurs ins Studentensekretariat konnte, um ein paar wichtige Sachen zu erledigen. Das hat wunderbar funktioniert, und ich konnte einiges an Papierkram auf meiner Liste abhaken. Im Literaturkurs, in dem mich die Dozentin beim Reinkommen mit einem gemurmelten “Oh, you are better already“, begrüßte, ging es August Strindberg, zumindest in seiner nicht ganz frühen Phase angeblich ein notorischer Frauenhasser. Nach drei gescheiterten Ehen vielleicht nicht verwunderlich…
Auch im Norwegischkurs wurde ich recht freudig von der Dozentin begrüßt. Dass ich die eigentlichen Fehlzeiten mit der Lungenentzündung überschritten habe, schien sie zu wissen, bemerkte aber nur, dass ich ab jetzt versuchen sollte, auch wirklich immer da zu sein. Das fand ich recht nett. In der Sitzung selbst, die ich gar nicht so uninteressant fand, ging es erst um norwegische Politik (find ich ja eh spannend), und in der zweiten Hälfte sollten wir uns gegenseitig zu einem Ort unserer Wahl befragen. Ich schwärmte so viel und so lange von Hamburg, dass Theresa, meine Übungspartnerin gar nicht mehr dazu kam, von ihrem Heimatort zu erzählen…
Dann war die Uni auch schon zu Ende, und nach einem (wie immer Gratis-) Kamillentee im Kvarteret ging es dann daran, mehr bürokratisches zu erledigen. Ich wollte ein Bankkonto, schließlich hab ich doch jetzt eine Personennummer! Die Nordea-Bank machte leider schon zu früh zu, also ging ich zur DnB Norge-Bank. Dort wartete ich ewig in einer großen Halle, bis ich dran kam. Der Berater empfahl mir ein Nettkonto, das mich 10 Kronen im Monat und einmalig 100 Kronen kosten sollte. Eine Karte würde ich bekommen, wenn das Konto eine Zeit lang sichtbar in Gebrauch ist. Ich fand das Ganze in dem Moment halbwegs annehmbar, also fing der Mensch an, meine Daten in den Rechner einzugeben. Irgendwas stimmte allerdings mit der EDV nicht, und so konnte ich das Konto nicht eröffnen, sondern muss noch einmal wieder hin. In der Zwischenzeit habe ich mich aber noch einmal informiert, dass es bei der Post-Bank hier ein ziemlich gutes Angebot für Studierende gibt, da werd ich mich morgen mal informieren, ob ich das als Ausländer auch haben darf. Die anderen sollen dann die Daten, die sie erstmal zwischengespeichert haben, gleich wieder löschen.
Nach dem Bankbesuch musste ich noch einmal zur Legevakt. Um mein Geld für den Arztbesuch wiederzubekommen, musste ich mir nämlich eine Art Quittungskarte (Folketrygdens Kvitteringskort) holen, wo genau drauf steht, wieviel ich wann zuzahlen musste. Wenn man als Student nämlich in einem Jahr mehr als 250 Kronen Arztkosten hat, wird einem alles, was darüber liegt, zurückerstattet. Mit dieser Karte machte ich mich also auf ins Fitnessstudio des Studentenwerks SiB, um mein Geld einzusammeln. Bis ich das gefunden hatte, dauerte es einen Moment, aber dort angekommen, füllte ich auch freudig eine Quittung aus, bis ich an die Stelle mit der Kontonummer kam. Die Arztkostenerstattung wird nämlich überwiesen. Tolle Sache, so ohne Konto. Nunja, das Quittungsblatt hat sie dann aufgehoben, wenn ich ein Konto habe soll ich wiederkommen. Sie gab mir auch noch einen Zettel mit, auf dem steht, dass sie zwar auf meiner Nachweiskarte schon alles angestrichen hat, ich aber noch kein Geld bekommen konnte. Die Quittungszettelnummer steht auch mit drauf. Ich hoffe, dass alles auch noch da ist, wenn ich denn endlich ein Konto hier habe. Schließlich geht es um 289 Kronen.
Wer über das deutsche Gesundheitssystem schimpft, der sollte also mal in andere Länder fahren. Hier ist das Gesundheitswesen steuerfinanziert, der Staat verteilt das Geld auf die verschiedenen Regionen. Das führt zum Beispiel dazu, dass der Westen Norwegens viel weniger Geld pro Patient zur Verfügung hat, als beispielsweise die Leute in Trondheim. Im Klartext bedeutet das, dass Operationen hier nur durchgeführt werden können, wenn sie wirklich dringend sind. Das System der Legevakt habe ich ja schon einmal kurz erklärt. Außerdem legt das Parlament regelmäßig die Eigenanteilsgrenze fest, ab der die Leute ihre Arztkosten erstattet bekommen. Im Moment liegt die für Nichtstudenten bei 1615 Kronen, wenn Leute Kinder haben, gilt der Betrag für sie und die Kinder zusammen. Alles was dann darüber hinaus geht, muss entweder nicht bezahlt werden, oder wird zurückerstattet, wenn ich das richtig verstanden hab. Alles etwas kompliziert, aber alles in allem sicherlich fair und mit entsprechenden sozialen Ausgleichsmöglichkeiten für die wenigen armen Leute hier.
Für morgen haben sich die Kammerjäger angekündigt. Zwischen 9 und 15 Uhr wollen die hier irgendwelches Gift in der Küche, aufm Flur und im Bad verspritzen, rein prophylaktisch. Seit vor einiger Zeit mal was über Kakerlaken in Fantoft in der Zeitung stand, sind die hier etwas übervorsichtig, scheint mir. Klar gibt es hier ein paar kleine Käfer, aber es scheinen so wenige zu sein, dass ich nur sehr selten überhaupt einen zu Gesicht bekomm. Dafür alle Schränke auszuräumen und auszuwischen (Feng-Shui ist mal wieder den ganzen Tag unsichtbar gewesen, hab seine Sachen auf den Küchentisch gestellt), das Appartement irgendwann für mindestens ne Stunde zu verlassen, und dann eventuell meine eh schon angegriffene Lunge diesem Chemiemist auszusetzen, halte ich ja für ein wenig übertrieben. Wenn die auch in meinem Zimmer spritzen wollen, hab ich ein Problem. Der Inhalt meiner Schränke steht nämlich nun auf meinem Schreibtisch. Und wahrscheinlich bullern die wieder in aller Herrgottsfrühe an die Tür, und ich weiß nicht einmal, wo ich in der Stunde überhaupt hin soll, weil das Kvarteret doch erst um halb zwölf aufmacht…achja, arbeiten muss ich morgen ja auch…
am 25. Oktober 2006 um 15:47 Uhr.
Da hattest du ja einen spannenden Tag. Ich lag den ganzen Tag mit Rückenschmerzen im Bett und hab gelesen. Am Abend konnte ich dann, dank Paracetamol, mit Theresa in die Stadt. Wir waren im Café Opera, wo Ugo mit seiner Band aufgetreten ist (wie du sicherlich weißt). Hat sich sogar gut angehört. Sie haben allerdings nur vier Lieder gespielt. Ich hab mir noch drei andere Sänger (der eine schien auf einem anderen Stern zu sein, völlig abwesend) angehört, bevor ich in den letzten Bus gestiegen bin. Heute werd ich mich mal an die Stilaufgabe für Norwegisch machen, sind ja voll die interessanten Themen!!!