Tag 74: Verpasste Gelegenheiten (Wie dramatisch…)

Viertel vor sechs klingelte Berits Wecker. Ihr Flug ging um 8.50 Uhr, und da sonntagmorgens die Busse in die Stadt rar gesät sind, musste sie schon den 6.20 Uhr-Bus nehmen, damit sie rechtzeitig einchecken kann. Der Besuch war wirklich sehr nett, Berit ein unglaublich pflegeleichter Gast. Es hat wirklich Spaß gemacht, dass sie hier war, und ich hoffe, ihr hat es trotz des Regens und meines Krankseins ein bischen gefallen. Ich vermisse jetzt schon den Kaffee. :-)

Ich selbst konnte dann noch ein wenig länger schlafen, denn ich musste erst um drei in der Stadt sein. Im Kvarteret war wieder eine Versammlung, diesmal das Stjerneting, das einmal pro Semester stattfindet, und in dem die Verantwortlichen Rechenschaft ablegen und neue Verantwortliche gewählt werden. Nach dem Stjerneting sollte es noch eine Party geben.

Viel wichtiger für Bergen war an diesem Tag allerdings das Spitzenspiel der Norwegischen Fussballliga, in dem Brann Bergen die letzte Chance nutzen musste, den Spitzenreiter Rosenborg Trondheim noch einzuholen. Die Ausgangslage: Trondheim hat drei Punkte und vier Tore Vorsprung, es ist der drittletzte Spieltag. Die Karten für das Spiel im Brann-Stadion waren seit Wochen ausverkauft, ständig war in den Zeitungen von mehr oder weniger großen Skandalen im Zusammenhang mit dem Ticketverkauf zu lesen. Da Brann seit Jahrzehnten die Liga nicht mehr gewinnen konnte, war die Euphorie vor dem Spiel des Jahres entsprechend groß. Die gesamte Stadt schien auf den Beinen zu sein, weit vor dem Anpfiff um 20 Uhr beherrschten rote Trikots das Stadtbild, und bei der offiziellen Warm-Up-Party in einem Pub sangen sich die Anhänger die Kehlen aus dem Leib.

  

Im Pub im Kvarteret wird jeden Sonntag Fußball aus der englischen Premier-League und aus der norwegischen Tippeliga gezeigt, diesen Sonntag war es besonders voll. Janin und ich (die einzigen deutschen, die beim Stjerneting anwesend waren) schauten uns das Spiel dort an.

Das Niveau war erstaunlich hoch, die Stimmung im Stadion schien wirklich gut. Komischerweise goss es dort in Strömen, während in der Stadt nichts davon mitzubekommen war. Brann gab sich reichlich Mühe gegen den Serienmeister aus Trondheim, der durch die Champions-League-Millionen der letzten Jahre die unangefochtene Nummer eins in Norwegen ist, quasi eine Art norwegisches Bayern München. Aber trotz einer mutig-offensiven Spielweise kamen kaum zwingende Chancen heraus. Trondheim war im Stellungsspiel einfach cleverer, stellte blitzschnell von Offensive auf Defensive und umgekehrt um, und konnte die Pässe auch besser platzieren. Kurz vor der Pause fiel dann das 0-1, ein wirklich schönes Tor. In der zweiten Hälfte wurde Brann tatsächlich besser, zwischendurch spielten sie sogar mal Fußball, wechselten die Seiten, spielten überhaupt mal über die Flügel. Der verdiente Lohn war dann auch das 1-1, wenn auch nach einem Foulelfmeter. Brann machte jetzt das Spiel, fiel aber in die alten Fehler zurück, britisch-konfusen Kick-and-Rush-Fußball zu spielen, der viel zu oft durch die Mitte ging, wo eine kompakte Rosenborg-Abwehr stand. Spielübersicht war auch viel zu oft ein Fremdwort, und Standardsituationen hätte man besser mal vorher geübt. In dem Moment fragte man sich dann ein paar Mal, was der Trainer in den letzten Wochen mit der Mannschaft trainiert hatte. Auch eine taktische Gegneranalyse schien nicht wirklich stattgefunden zu haben. Jedem, der die taktisch reife Spielweise der deutschen Nationalmannschaft einwenig vor Augen hatte, fiel das ins Auge. Die mangelnde Chancenverwertung, und auch die fehlende Zuordnung in der Verteidigung Branns machte es Rosenborg dann auch leicht, aus einer der wenigen Chancen das 1-2 zu erzielen. In den letzten 25 Minuten versuchten die Bergener dann einiges, den Ausgleich zu erzielen, doch nach einem unberechtigten Freistoß brach ihnen dann das 1-3 das Genick, das Rosenborg praktisch mal wieder die Meisterschaft bescherte. Trondheim hat nun 6 Punkte Vorspsung, es sind nur noch zwei Spiele zu spielen, und das Restprogramm ist eigentlich recht einfach. Jetzt muss Bergen also mindestens noch ein Jahr auf einen Seriensieg warten. Dabei sah es lange in der Saison so aus, also ob es diesmal was würde, zwischenzeitlich hatte Bergen 9 Punkte Vorsprung, bevor dann die alljährlich wiederkehrende Herbstschwäche mit vielen unnötigen Niederlagen kam. Nun bleibt Brann nur noch, die Vizemeisterschaft zu sichern, und sich in der im nächsten Monat beginnenden Royal League zu rehabilitieren, in der die besten Mannschaften Skandinaviens den Winter überbrücken und noch ein wenig Geld verdienen können.

Mitten im Spiel bekam ich eine SMS aus Deutschland, es sei in Crivitz in Mecklenburg ein Mädchen zur Welt gekommen. Mit dem Nachnamen und der Telefonnummer konnte ich gar nix anfangen, nach der zweiten SMS stellte sich dann heraus, dass es sich um eine Schulfreundin von mir handelte. Wir waren im selben Jahrgang, wurden zusammen konfirmiert. Irgendwann ist sie nach Schwerin gezogen, und wir hatten nur noch losen Kontakt. Und nun ist sie Mutter, und scheinbar auch verheiratet. So langsam geht also der Ernst des Lebens los, alle werden sie erwachsen…

Nach dem Spiel fing dann auch das Internfest an, auf dem Janin und ich uns mit Tee und Kaffee begnügten, da wir beide gesundheitlich noch nicht ganz auf der Höhe waren. Als alle genug Bier getrunken hatten, gab es noch ein lustiges Spiel, in dem zwei Gruppen so schnell wie möglich bestimmte Gegenstände einsammeln mussten. Betrunkene Norweger sind schon irgendwie interessant zu beobachten. Gegen halb eins machte ich mich auf den Weg zum Bus, der in der Woche zuletzt um zehn vor eins nach Fantoft fährt. Nicht so sonntags. Ich hatte also den letzten Bus lange verpasst und durfte nach Hause laufen. Nach einer Stunde, von der ich die letzten 20 Minuten ohne Musik auskommen musste, weil mein iPod leer war, kam ich erschöpft (die Kondition is halt noch nich die alte) zu Hause an und fiel nur noch ins Bett.

Ein Kommentar zu “Tag 74: Verpasste Gelegenheiten (Wie dramatisch…)”

  1. Katrin

    So ein Mist! Ich hatte das Spiel total vergessen. Dann kann ich nächstes Wochenende jemanden wieder aufbauen ;-) Ich dachte erst, du bist doch schon Onkel geworden!! War ja noch ein Monat Zeit, nich wahr?

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