Tag 21: iD
Meldetag! Im Studentenservicebüro der Uni konnten sich alle ausländischen Studierenden, die länger als 3 Monate bleiben wollen, heute bei der Polizei registrieren. Dafür brauchte man seinen Studiennachweis, einen ausgefüllten Meldebogen, den Ausweis, etwas Zeit und Passfotos…die besorgte ich mir am Busbahnhof im Automaten. Zuerst musste ich einen 500-Kronen-Schein klein machen, indem ich mir im Supermarkt ne Flasche Wasser kaufte. Dann setzte ich mich in den Automaten, der irgendwie recht leblos aussah. Ich versuchte, mit einer 20-Kronen-Münze zu gucken, ob der Automat nur anspringt, wenn man Geld reinwirft, und stellte fest, dass das Ding defekt zu sein schien. Beim Rausholen der Münze klemmte das Fach, und nach ein wenig rütteln durfte ich entdeckten, dass der vorherige Besucher der Fotobox beim Rütteln nicht ganz so geduldig war wie ich, es lagen nämlich noch 40 Kronen zusätzlich drin. Die Fotos -die ich dann am Automaten nebenan gemacht hab- bekam ich also gratis. Der Meldevorgang verlief recht reibungslos, und nächste Woche sollte ich meine Aufenthaltsgenehmigung und vorläufige ID bekommen. Der normale Bearbeitungsprozess, ohne diese Uni-Aktion dauert im Schnitt wohl bis zu vier Monate. Eine Arbeitserlaubnis muss ich als EU-Bürger übrigens gar nicht beantragen, und scheinbar ist noch nicht einmal die Wochenarbeitszeit limitiert, wie man mir dann noch mitteilte…
Leider hatte mein Norwegischkurs schon angefangen, als ich mit dem Registrieren fertig war, also beschlossen Janine und ich, im Kvarteret einen Kaffee zu trinken, und den Kurs Kurs sein zu lassen. Jetzt darf ich nur noch 20 Mal fehlen, oder so….
Coca Cola hat mir heute 5 iTunes-Songs geschenkt. Scheinbar kooperiert der Coke Music Shop nun mit iTunes, und zur Feier dieses tollen Ereignisses schenkt der Brausehersteller nun jedem, der bei “CokeFridge”, dem “Erlebnisportal” angemeldet ist, einen iTunes-Gutschein für 5 Songs zu 0,99. Dabei hatte ich mich nur einmal aus Langeweile für n Gewinnspiel während der Fußball-WM dort angemeldet. Da ich vor Kurzem die Band “The Feeling“ für mich entdeckt hab, hab ich mir ein paar Songs von deren Album “Tvelve Stops and Home” heruntergeladen. Im BBC-Trendbarometer schon Anfang des Jahres hoch gehandelt, liefern die Briten gefälligen, melodisch-soften Rockpop. Besonders gefallen mir die Songs “Never be lonely“, “Fill my little world” und “Sewn“.
Den Tag beschloss eine “Abschieds-Pizza-Party” in Block B. Die Gemeinschaftsküchen hier in Fantoft haben nämlich im Gegensatz zu den Appartements einen Backofen.
Vor knapp drei Wochen habe ich mir nämlich eine Pizza gekauft, in der Annahme, dass zu einer Küche ja im Allgemeinen ein Ofen gehört. Der Schock war dementsprechend groß, doch heute endlich konnte ich die -nicht wirklich gute- Pizza dann auch essen. Janin zieht nämlich aus Fantoft aus und die Stadt rein. So brachte jeder der Gäste (wir waren zu fünft, 2 Berlinerinnen, 2 GöttingerInnen und ich) eine Pizza mit.
Die Unterhaltungen waren ganz nett, und auch brauner Rum schmeckt mit Cola, nur frag ich mich langsam, ob die Leute blind sind. Jedes Mal, wenn das Gespräch auf das Thema Homosexualität, bzw. Beziehungen im Allgemeinen kam, hab ich mich ehrlich positioniert, ohne mich direkt zu outen. Und immer noch ging jeder davon aus, dass ich alle Aussagen als heterosexueller Mann auf Frauen beziehe. Ich will nicht jedem auf die Nase binden, dass ich schwul bin, habe aber auch keine Angst vor einem Outing, und lügen tu ich schon gar nicht. Wie erlärt man aber Leuten, die scheinbar nicht auf die Idee kommen, sich gerade mit einem Homosexuellen zu unterhalten, dass einem die norwegischen Frauen ziemlich egal sind, ohne daraus mehr zu machen als es eigentlich ist? Immer wieder eine spannende Frage, nicht nur in Norwegen…
Das Wetter war heute übrigens wieder wirklich schön, allerdings war es trotz Sonnenschein und Regenlosigkeit nicht mehr wirklich warm. Die Luft roch nach Frühling. Scheinbar ist der Sommer nun endgültig vorbei, und ich kann mich auf den Herbst einstellen…
am 1. September 2006 um 02:26 Uhr.
P.S.: Man beachte den äußerst kreativen Titel, dessen Kreation mich einiges an Überlegungszeit gekostet hat, in all seiner Mehrdeutigkeit im Bezug auf den Blog-Eintrag…:-)
am 1. September 2006 um 10:57 Uhr.
Solage jetzt nicht gleich “ES” um die Ecke kommt, kann man dem Titel einiges abgewinnen.
Zu der Frage nach dem “indirekten” Outing… Vielleicht einfach mal den einen oder anderen norwegischen Mann erwähnen, der dir weniger egal ist als die norwegischen Frauen… Hat bei IBM damals sehr gut funktioniert…
am 1. September 2006 um 15:54 Uhr.
Ganz ehrlich: wen kuemmert’s, welche sexuellen Vorlieben die Leute haben. So ganz allgemein. Wenn dich einer fragt: Boa, die norwegische Schnegge hat aber nen netten Vorbau, meinste nich? Dann sagtse einfach noe und fertig.
Man muss sich ja keine Ansatzprobleme schaffen, wo keine sind, gelle? Wenn du ehrlich antwortest, reicht das. Dann iss auch egal, ob die Leute nu wissen, dass du schwul bist oder nicht. Am Ende isses doch auch so, dass wenn denn einer gleich von Anfang an kommt und sacht: Hey, biste eigentlich schwul? dann fuehlt sich der Betroffene oft auch auf den Praesentierteller gestellt. Also am Ende isses eh verkehrt, egal wie man’s macht.
PS: Die Ausdrucksweise in diesem Beitrag entspricht nur der momentanen Benehm-Faulheit der Schreiberin, nicht aber ihrer sonst so schrecklich eloquenten Person.
am 1. September 2006 um 16:09 Uhr.
So hab ich das gern, Feedback, und das fast kontrovers…
Das Ding ist ja, dass es schon recht schnell zu Missverständnissen kommen kann, wenn man eben nicht offen mit seinen “sexuellen Vorlieben” umgeht. Da werden einem ja zum Beispiel die unterschiedlichsten Motive unterstellt, warum man sich jetzt zum Beispiel mit ner Person abgibt…und außerdem will ich hier auch mit irgendwem mein tolles Kerle-Bewertungs-Punkte-System anwenden.
Prinzipiell versteh ich aber, was du meinst, und schwanke ja auch immer n bischen, ob das nun unbedingt sein muss. Aber irgendwie gehts auch ums Prinzip…
am 1. September 2006 um 18:59 Uhr.
Ach. Prinzip hin oder her. Nem heterosexuellem unterstellt man ja auch net grundsaetzlich, dass er nur mit Frauen redet, weil er sie ins Bett kriegen will. Das liegt doch am Ende viel mehr an der Person. Grundsaetzlich muss ja keiner ein Schild um den Hals tragen, auf dem die sexuelle Orientierung steht. Warum sollte das bei Schwulen anders sein als bei Heterosexuellen?
Klar, wenn dir ein Maedel Avancen macht, kannste net so tun, als sei nix. Aber ansonsten versteh ich eher den Outingwunsch in Richtung Punktebewertungssystem und “Freiwilderkennung” (man entschuldige den Ausdruck aber mir iss grad net nach Eloquenz… wie schon vorher). Da ham es Schwule wohl etwas schwerer, oder auch nicht. Keine Ahnung ob man sich da untereinander “erkennt”.
Aber grundsaetzlich hat diese Diskussion in meinen Augen absolut nix im allgemeinen Alltagssozialleben zu suchen. Da iss man Knu der mit andern Leuten rumhaengt. Und wenn die das net so sehen oder man da an homo oder hetero-Richtlinien gemessen werden muss/soll/will, ist das irgendwie wirr. Jawoll.
Fragt ja auch keiner, ob einer irre im Kopf iss und mal Massenmoerder werden will. Und das waer ja nu echt mal gut zu wissen. Aber ich schweife ab. Es ist Freitag abend und ich sitz immer noch auf Arbeit. Warum weiss ich selber nicht. Aber muede bin ich trotzdem.
Schoenes WE an alle und an dich, mein LieblingsKNU (ich boykottiere MIZI vehement!!!) einen ganz dicken, fetten Knuddler.
am 1. September 2006 um 22:38 Uhr.
na, ich glaube, dass es schon wichtig ist SICHTBAR zu sein. weil ich als der gesehen, geliebt, gehasst werden will, der ich bin. und das mit den männern ist ja ein nicht unerheblich unwichtiger teil meines -deinen lebens.
ich habe die gleichen gedanken gehabt als es um die noch nicht öffentliche schwule lebendsweise vom BM-I ging und geglaubt in der BV mit einem outing die debatte antreichern zu müssen. wurd’ mir von abgeraten, habe ich auch nicht gemacht, aber inzwischen weiß auch der letzte hausmeister, dass ich, wenn es um rechte für minderheiten und insbesondere homorechte geht, sofort und unmissverständlich das maul aufmache - und das nicht nur aus reiner mildstätigkeit.
also mein tipp: abwarten und tee trinken, weiter nicht lügen und vorstellen wie du auf eine neg. reaktion reagieren würdest. wann war nochmal csd in bergen?
lg
h.
am 1. September 2006 um 22:57 Uhr.
Ich war mir ja schon irgendwie im Klaren darüber, mit diesem Eintrag Reaktionen zu provozieren…dass nun aber eine kleine Diskussion draus wird, hab ich nich gedacht…aber cool
@ Ox: Ich find das toll, dass du dir da keinen Kopp drum machst. Leider isses nich immer so einfach, und der Vergleich mit den Heteros, die ja auch keiner fragt, hinkt einfach, weil die Heteronormativität (ein tolles Wort aus der Genderforschung) die Tatsache ignoriert, dass es auch andere Lebensentwürfe gibt, und somit aus allem, was dem nicht entspricht (übrigens gehören da auch Frauen zu, die emanzipiert sind), etwas “Besonderes” macht. Und eben weil es ein Teil meines Lebens ist, will ich mich nicht verstecken, bzw. eine Facette von mir ausblenden, nur, weil das gerade nicht ins Bild passt. Da liegt ja das eigentliche Problem. Mit “Seinesgleichen erkennen” hat das nich viel zu tun, dafür kann ich ins “Sailor” gehen, oder in den Chat, wenn ich das will
Übrigens ist jedem (heterosexuellen) Mann grundsätzlich zu unterstellen, dass er sich mit Frauen nur der Jagd wegen abgibt
Dir auch n schönes WE vom KNU
@Helga (*freu*): Der Bergener CSD is hier immer im Frühjahr, soweit ich weiß. Leider nur ne sehr kleine Veranstaltung, der irgendwie viele Leute fernbleiben, weil sie ihnen zu “Klischeeschwul” und mickrig ist, statt mitzulaufen und den “normalen” Schwulen zu zeigen…Was das angeht ist das schon ein wenig provinziell hier :-/
am 2. September 2006 um 22:21 Uhr.
Jetzt muss ich doch mal meinen Senf dazu abgeben. Bisher habe ich immer nur still die neuen Einträge gelesen und mich gefreut, dass ich so am Alltag teilhaben und lustige Sachen miterleben kann.
@mizi: Ich finde, Du machst das schon ganz richtig so. Nicht lügen ist natürlich wichtig, aber jedem auf die Nase zu binden ob man schwul ist oder sonstwas, das sollte man nicht tun. Ein etwas eigenartiges Beispiel vielleicht: Ich erzähle Leuten, die ich nicht so gut kenne so gut wie nie oder vorerst nicht, dass ich mich den halben Tag mit Pferden beschäftige. Ich will einfach nicht in irgendeine Schublade gepackt werden (es gibt ja reichlich und z.T. auch durchaus berechtigte Vorurteile gegen Pferdeleute). Sollen die mich doch erstmal genauer kennenlernen und ich sie und wenn man sich sympathisch ist und sich vertraut, dann kann man auch mehr von sich preisgeben.